In Seenot

Die Besatzung war wie eine große Familie. Zwischen den Bereichen Deck, Maschine und Kombüse herrschte Einheit und Harmonie, weil wir alle an dem gleichen Strang zogen. Möglicherweise setzte das körpereigene Dopingmittel  Adrenalin zusätzliche Kräfte  frei. Ein Rettungsboot wurde abgedeckt und zum Aussetzen klar gemacht. Rettungsringe lagen bereit. Die Scheinwerfer tauchten durch die Finsternis auf die tobende See. Die letzten Vorbereitungen wurden getroffen. Und dann waren wir an der Unglücksstelle. Mit Höchstgeschwindigkeit von ca. 15 kn brauchten wir trotzdem fast 4 Stunden.

Das Schiff heute.

Das Schiff heute.

Zwei andere Frachter suchten nach Überlebenden und hatten erfreulich 7 Männer gerettet.  Noch fehlte ein Boot mit 6 Menschen. Pausenlos strichen die Lichtkegel über  die schaumige Wasserfläche.  Die gesamte Besatzung machte Ausguck. Der eisige Wind pfiff uns um die Ohren. Die Finger wurden langsam steif. Jeder gab sein Bestes. Keiner zeigte Schwäche. Es war inzwischen zwei  Stunden nach Mitternacht am  20. 01. 1969. Ab und zu schwammen nur  Holzstücke vorbei.  Doch da, plötzlich tauchte im Scheinwerferlicht wie ein Gespenst ein  orangefarbenes Rettungsboot auf. Es wurde von der stürmischen See hoch und nieder gerissen. Unter schwierigen Manövern gelang es uns, an das Boot ran zukommen. Nun, wir kamen näher und hatten Blickkontakt. Und was sahen wir da? Ein Bild des Grauens. Ich glaube, diesen Augenblick wird keiner von uns im Leben vergessen. Das Boot war halb voll Wasser und darin lag ein Seemann  quer über den Sitzflächen.  Es war ein junger, blonder, nordischer  Typ. Er hatte Hosen und ein buntes Flanellhemd an. Die Ärmel  waren hochgekrempelt, die Schuhe und Socken fehlten. Seine Füße waren am  Sitz festgebunden. Der Kopf lag halb im Wasser des Bootes. Seine Arme lagen steif über dem Dollbord. Der Körper wurde durch den heftigen Seegang geschüttelt. Sein Kopf schlug gegen die Sitzfläche des Bootes. Welche Qualen musste wohl dieser Mensch vor seinem Tod erlitten haben?  Ich war erfüllt von unendlicher Traurigkeit und tiefstem Bedauern. Immer wieder wurde das Boot an unserer Bordwand hoch und niedergerissen. Dreimal gelang es eine Leine im Boot zu fassen. Doch jedes Mal wurde sie gebrochen. Später gelang es einem schwedischen Seenotkreuzer das Rettungsboot in Schlepp zu nehmen.

Das Schiff.

Das Schiff.

Inzwischen war es 04.30. Uhr. Die Suche ging weiter. Noch fehlten 5 Seeleute. Auch ein Helikopter war an der Suche beteiligt. Oft schwammen  Schiffsteile vorbei, von Menschen fehlte  jede Spur. Langsam überfiel uns die Müdigkeit. Die Kälte kroch in den Körper. Die Glieder erstarrten.  Um  07.00. Uhr wurde über Funk der Abbruch der Rettungsaktion bekannt gegeben. Tatkräftig und einsatzfreudig gab jeder seine letzten Kräfte. Schmerz und Trauer den unbekannten Seeleuten.

Wolfgang Schmidt

 Offiziersanwärter

Anmerkung

Nach dem Vorfall konnte ich 54 Stunden nicht schlafen. Hirn und Herz fanden keine endgültige Ruhe.

Wie zum Hohn ereilte das gleiche Schicksal der „ MS Karlshorst „ wie dem unbekannten finnischen Frachter. Am 26. 10. 1977 trat um 03. 20. Uhr ein Ereignis ein, das die Karlshorst in einen Todeskampf zwang. Zeitpunkt des Totalverlustes war am 27. 10. Um 17. 00. Uhr; Position:  Nordnorwegen Inselgruppe Lofoten  68°06` N   13° 27` E.

Alle Besatzungs mitglieder wurden gerettet. Ein weiterer Bericht steht unter www.deutfracht-seereederei.de/karlshorst.html

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