In Seenot

Gefährlich.

Gefährlich.

Es war verdammt kalt an diesem Sonntag, am 19. Januar 1969. Die MS“Karlshorst“ befand sich auf der Überfahrt von Leningrad nach Szczecin. Der 1. Offizier und ich betrieben die 16.00-20.00 Uhr Brückenwache. Das Chronometer zeigte 17.17 Uhr GMT (Weltzeit), Ortszeit war 19.17Uhr. Die letzte Stunde unserer Wache hatte begonnen. Wir quatschten und flachsten so rum, als sich jäh meine Aufmerksamkeit dem UKW-Sprechfunk widmete.Erst rauschend leise und zerfetzt „….ay…ay…..day….Mayday…Mayday“ kam aus dem Lautsprecher. Ich machte dem Chief Mate Meldung, er hatte nichts gehört. Sofort änderte sich seine relaxte Haltung. Mayday bedeutet Notruf im internationalen Sprechfunk, dasselbe wie SOS beim Morsen: maximale Gefahr. Mit Zettel  und Stift lauschten wir gespannt auf die Position des in Seenot geratenen Schiffes. Jetzt schrillte der SOS-Alarm. In wenigen Sekunden stürmte der Funker den engen Aufgang zur Funkkabine hinauf, in Filzlatschen und rauchender Tabakspfeife. Minuten später kam die Meldung. Ein finnischer Frachter mit 13 Mann Besatzung hatte starke Schlagseite und drohte zu kentern. Die Mannschaft  verließ bereits das Schiff. Der Unglücksort war 10sm südlich vom Feuerschiff Svenska Björn, 60sm von uns entfernt. Der Alte, unser Kapitän, war schon längst auf der Brücke. Wir nahmen also Kurs auf das in Seenot geratene Schiff.

Das Wetter selbst war die reinste Katastrophe. Wir hatten Windstärke 8, das Thermometer zeigte -11 Grad Celsius an. Meine Wache war beendet. Doch an Ruhe und Schlaf war nicht zu denken. Vielmehr waren die Gedanken bei 13 finnischen Seeleuten, die im Kampf mit den Naturgewalten um ihr nacktes Leben kämpften.

Eine brisante Lieferung. Sozusagen.

Eine brisante Lieferung. Sozusagen.

Etwa 21.30 Uhr versammelte sich die gesamte Besatzung in der Messe. Chief Mate Wedemeier, ein etwa 35 jähriger langer, hagerer Rostocker, gab Instruktionen für die bevorstehende Rettungsaktion bekannt. Und nun begann die Arbeit. Jeder bekam eine Aufgabe zugeteilt. Der Koch machte riesige Platten mit gut belegten Brötchen. Die Stewardess kümmerte sich um heiße Getränke. Decken wurden bereitgelegt. Die schwierigste Aufgabe begann für uns Matrosen. Unser Schiff hatte Holz als Deckladung. Das Holz war stark vereist. Unter schwierigsten Bedingungen holten wir Fender, Netzbrooken, Leinen und Rettungsringe aus dem Kabelgat, ein Raum im Bug unterhalb der Ankerwinden. Mühsam ging die Arbeit voran. Die See lag in tiefster Finsternis. Doch die starken Strahler der Deckbeleuchtung erhellten das Schiff wie einen  Festplatz. Wir Matrosen  trugen alle Rettungswesten, was die Arbeit sehr behinderte. Trotzdem musste jeder höllisch aufpassen, um nicht durch Glätte und die starken Schiffsbewegungen von Bord zu gehen.

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